Andreas Schmid: Chinas Identitäten

erschienen in artnet, 25.6.2007


„China Welcomes You. Sehnsüchte, Kämpfe, neue Identitäten“, Kunsthaus Graz am Landesmuseum Joanneum, Graz. Vom 7. Juni bis 2. September 2007

Das Kunsthaus Graz überrascht in diesem Sommer mit einer Ausstellung zeitgenössischer chinesischer Kunst. Schon wieder eine China-Ausstellung mit nationalem Charakter, mag man zunächst denken. Dem klugen Konzept von Direktor Peter Pakesch und seiner Kokuratorin Katrin Bucher-Trantow aber ist zu verdanken, dass dieser Eindruck täuscht. Die beiden sind für ihre Recherchen mehrmals in China unterwegs gewesen und haben sich überdies von chinesischen Experten und dem bis dato bekanntesten europäischen Sammler chinesischer Gegenwartskunst, Uli Sigg, beraten lassen.
Sorgfalt und Leidenschaft prägen den Charakter der multimedialen Grazer Ausstellung, die bewusst ganz unterschiedliche Aspekte aus der mittlerweile riesigen chinesischen Kunstproduktion herausgreift und dennoch nicht beliebig wirkt. Die Gegensätze, die schon im Untertitel der Ausstellung „Sehnsüchte, Kämpfe, neue Identitäten“ aufscheinen, kommen deutlich zum Tragen. Generationen prallen aufeinander. So zum Beispiel der Altmeister des Videos in China Zhang Peili und der jüngere documenta-11-Teilnehmer Yang Fudong, beide mit für sie charakteristischen Arbeiten. Zhang Peili arbeitet wie immer politisch: Zwei über Eck gestellte Leinwände zeigen Ausschnitte eines chinesischen und eines amerikanischen Propagandakriegsfilmes. Sie entlarven sich gegenseitig in ihrer parallelen Dumpfheit. Yang Fudong ist mit einem seiner besten Filme vertreten, dem intellektuellen wie skurrilen, fast surrealen Schwarzweiß-Film „Backyard – Hey, Sun is rising“ aus dem Jahre 2001. Hierin beleuchtet er das Leben einer Gruppe von vier Außenseitern im heutigen Shanghai.
Der Konzeptualist Wang Jianwei thematisiert mit seiner Dokumentation „Living Elswhere“ (1998) Aspekte von Bauernexistenzen in Sichuan. Cao Fei stellt in einer etwas zu klein geratenen Box Fotos und Videos ihres in Südchina durchgeführten Projektes Whose Utopia vor. In der Osram-Fabrik von Siemens in Südchina führte sie mit den Arbeitern 2006 ein halbes Jahr lang einen Workshop durch. Herausgekommen ist ein bewegender ebenso dokumentarischer wie fantasievoll- poetischer Film und Fotos über das Leben, die Arbeit und die Träume der in dem Werk beschäftigten Arbeiter. Xu Zhen hingegen erinnert sich an seine (realen oder fiktiven?) Erlebnisse mit der chinesischen Sicherheitspolizei zwischen 1999 und 2003, die er auf dem Monitor eines Minicamcorders auf einem Tisch liegend im Miniformat betrachterunfreundlich subversiv präsentiert.

Der Medienkünstler Feng Mengbo überrascht mit einer einfühlsamen Begegnung mit der aussterbenden Kunst des Schattenspiels in China. Der Künstler sieht seine aus drei Perspektiven gefilmte Dokumentation einer berühmten Truppe in Xian nicht allein als Kunst, sondern auch als Widerstand und Kampf gegen die Verdrängung und Ausrottung des klassischen Kunsthandwerks im heutigen China. Allein die bis hierher aufgezählten Arbeiten dieser sehr erfolgreichen Medienkünstler (drei von ihnen waren schon auf der Documenta vertreten) fächern die ganze Bandbreite der Generationen (vom 1957 geborenen Zhang Peili bis zur 1978 geborenen Cao Fei) und ihrer Ausdrucksmöglichkeiten in einem Medium auf höchstem Niveau auf.
Einige der in Graz gezeigten Installationen sind speziell auf die sehr schwer bespielbaren Räume des von außen spektakulären Gebäudes zugeschnitten worden. Das betrifft zum Beispiel die gespenstisch wirkende Ansammlung alter Männer in Rollstühlen des Künstlerpaares Peng Yu & Sun Yuan. „Old Peoples Home“ scheint ein Altersheim für ergraute Machthaber (alle männlich und weiß) zu sein. Diese sind durch ihre Kleidung – Militärdress oder Anzug – und bestimmte Accessoires wie Palästinensertuch oder Rolexuhr charakterisiert. Wie von Geisterhand bewegt, rollen sie vor und zurück. Assoziationen mit noch lebenden erstarrten, an den Sesseln der Macht klebenden Politikern werden wach. Die Arbeit ist darüber hinaus ein seltenes Beispiel für die Darstellung des Alters in der chinesischen Gegenwartskunst.
In ganz andere, heitere Gefilde entführt die Installation „Interior Courtyard“ der jungen Yang Jiang-Gruppe. Zheng Guogu, Chen Zaiyan und Sun Qinglin aus Guangzhou spielen mit dem klassischen Thema des Gelehrtengartens und arrangieren Steinwege, Wasserfälle, Pflanzen, Brücken und Kalligrafien. Sie zitieren und ironisieren ihn auf humorvolle Weise und schwanken dabei zwischen Oberflächlichkeit und Tiefgründigkeit. Der architektonische Ort der so genannten „Nadel“ – ein schlauchartiger, jedoch sehr transparenter und heller Raum im Dach des Grazer Kunstmuseums – eignet sich ganz vorzüglich für dieses Environment, da die Ausblicke wieder neue (Stadt)Landschaften erschließen und gleichzeitig das Licht die künstlerischen Skizzen und die modernen, teilweise collagierten Kalligrafien mit unterschiedlichsten aktuellen Texten zu Alltag und Politik hervorheben. Die Bananenstauden sowie der Wasserfall aus Wachs, in dem von Arbeitern gefertigte Kalligrafien schlummern, tragen zum fröhlichen, ironisch-poetischen Charakter des Environments bei.
Von Direktor Peter Pakisch persönlich angeordnet wurden die mannshohen, farbigen, vasenähnlichen Porzellansäulen von Ai Weiwei.Seit wenigen Jahren arbeitet der Künstler mit einer der bekanntesten traditionellen chinesischen Porzellanmanufakturen zusammen, um einerseits traditionelles Wissen und Können zu nutzen und es andererseits für unerwartet Neues zu erschließen, wie es seit Jahrhunderten künstlerische Tradition ist. Lu Hao zeigt die Arbeit „Beijing Welcomes You“, ein Modell der Innenstadt Pekings im Jahre 2000. Die Präsentationsform ist ungewöhnlich: Das Modell ist am Ende einer Rolltreppe verkehrt herum an der Decke aufgehängt; man fährt dem Werk entgegen. In Rundspiegeln am Boden kann man es dann mit weniger Anstrengung betrachten. In dieser Modelldarstellung des Zentrums von Peking, in der einige Details zusammengezogen und alte Häuser hervorgehoben sind, erinnert der Künstler an den Aderlass alter Architektursubstanz und kultureller Tradition in Peking. In den letzten zehn Jahren wurde in Peking mehr alte Bausubstanz zerstört als im Zeitraum von 1949 bis zum Ende der Kulturrevolution.
Die Malerei nimmt in Graz nur wenig Raum ein und ist mit drei prägnant unterschiedlichen Positionen präsent: Am stärksten sind die Bilder von Xie Nanxing, beeindruckend vor allem „Untitled (Liquid)“ in seiner Vielschichtigkeit und malerischen Präsenz. Liu Wei, der auch zwei Arbeiten zeigt, ist mit der großformatigen, abstrakten, an Computergrafiken erinnernden Ölmalerei „Purple Air VI 1“s vertreten. Den narrativen Part übernehmen zwei Künstlerinnen. Zum einen Duan Jianyu mit ihrer humorvollen Arbeit „Schnabel“, bezogen auf einen Besuch des amerikanischen Künstlers und seine Hinterlassenschaften in einem kleinen chinesischen Dorf. Zum anderen die schon 65-jährige Künstlerin Guo Fengyi, deren sehr freie Zeichnung „About the Numerology of Nanjijing“ an die Freiheit einer Louise Bourgeois erinnert.
Zu sehr im Privaten verhaftet und zu wenig durch einen künstlerischen Abstraktionsprozess gegangen scheint die am Eingang hängende, baldachinartige Textilieninstallation „The Times 2005 -2007“ von Hu Xiaoyuan zu sein. Sie besteht aus gestrickten oder bestickten Textilien, die der Künstler in 20 Familien gesammelt hat. Die Distanz zur Vielschichtigkeit der anderen Arbeiten ist zu groß. Eine Sammlung anderer Art, nämlich von Interviews mit den beteiligten Künstlern, ist die Arbeit des chinesischen Künstlers Xu Tan. Sie wird Ende Juni als Einzelheft gedruckt zur Verfügung stehen.
Der gut gestaltete Katalog ergänzt die Ausstellung mit ausführlichen Hintergrundinformationen und zwei gelungenen Texten von Cao Fei und Duan Jianyu. Widerspruch provozieren jedoch zwei Aussagen: Peter Pakesch spricht davon, dass eine ernsthafte Auseinandersetzung mit chinesischer Kunst erst seit der Majong-Ausstellung 2005 in Bern stattfinde. Ai Weiwei spricht im Interview davon, dass es 1993 hoffnungslos gewesen sei, in China Künstler zu sein und leugnet die Existenz einer chinesischen Kunstwelt zu dem Zeitpunkt. Beide Male darf widersprochen werden: Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen chinesischen Kunst findet nicht erst seit heute oder seit 2005 statt, sondern ist schon seit 1990 durch Kenner und Förderer (wie zum Beispiel Hans van Dijk, Andreas Schmid und Johnson Chang in Hongkong, Fei Dawei und Hou Hanru in Frankreich oder Gao Minglu in den USA) geleistet worden. Eine erste große Welle von Reaktionen unter Sammlern und Galeristen (wie Ludwig oder Max Protech, Grothe u.a.) erfolgte Mitte der 1990er Jahre. Harald Szeemann machte 1998 die chinesische Kunst endgültig international hoffähig. Ab 2002 boomte die chinesische Kunst geradezu und erschloss sich seitdem mit einem sprunghaften Anstieg von Galerien und Künstlern immer weitere Dimensionen, vor allem im eigenen Land.

Die ersten grundlegend wichtigen Entwicklungen für die chinesische Gegenwartskunst liefen in den 1980er Jahren unter großen Opfern der beteiligten Künstlerinnen und Künstler ab. Ihre Früchte wurden ab 1995 von vielen geerntet.
Ai Weiwei kehrte 1993 nach China zurück, als die erste große Welle chinesischer Kunst gerade in Hongkong, Europa und in den USA angekommen war und ihre Spuren hinterlassen hatte. Dieser ersten Entwicklung und ihren Folgen in den 1990er Jahren verdankt Ai Weiwei seine heutige Prominenz. Er selbst hat erst Ende der 1990er Jahre seinen eigentlichen Platz in Peking gefunden und übt seither auf bestimmte Künstlerkreise einen großen Einfluss aus. Wichtig ist, dass nun, nach einem Viertel Jahrhundert, in Ausstellungen wie dieser eine Ausdifferenzierung der Betrachtung und Zusammenstellung stattfindet, die früher gar nicht möglich gewesen wäre. Das ist der große Gewinn dieser Grazer Ausstellung.