Andreas Schmid: Blinded by the lights

Lichtkunst im ZKM Karlsruhe


„Lichtkunst aus Kunstlicht“, Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM), Karlsruhe. Bis 6. August 2006
Mehr Licht ging wohl nicht: „Lichtkunst aus Kunstlicht“ ist eine Schau der Superlative. Über 230 Künstler sind über drei Etagen und 7000 Quadratmeter im Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe ausgestellt. Es gibt frisch konzipierte, ältere rekonstruierte sowie „klassische“ Arbeiten der Lichtkunst zu sehen. Fast alles, was Rang und Namen hat oder in der gegenwärtigen Kunstszene mitspielt und irgendwann einmal mit künstlichem Licht umgegangen ist, wird gezeigt.
Grandiose Werke von ihren Anfängen in den 1920er Jahren bis zu den 1940ern mit einer Reihe von (Ton)-Filmen von Altmeistern wie Lázló Moholy-Nagy, Walter Ruthmann, Hans Richter, Oskar Fischinger und John J. Whitney. Die Arbeiten von Heinz Mack, Otto Piene und Günther Uecker, dem französischen Altmeister François Morellet, Martial Raysse und den italienischen Lichtkünstlern Gregorio Vardanega und Grazia Varisco spiegeln die große Experimentierbreite in den 1960er und 1970er Jahren. Dan Flavin hat fast schon eine eigene kleine Retrospektive bekommen.
Mehr Licht ist nicht immer mehr Wert. Die Schau wirkt stellenweise wie ein enzyklopädisches Sammelsurium nebeneinander aufgestellter, zum Teil wenig aufeinander bezogener Arbeiten und nicht wie eine gestaltete Auswahl. Es stellt sich die Frage nach den Kriterien und Zielen der Kuratoren Gregor Jansen und Peter Weibel, denn offensichtlich gingen diese nicht über das Sammeln und Kompilieren hinaus. Vielen Kunstwerken werden sie damit jedoch nicht gerecht.
In der Reihung und Ballung, selbst in einem noch so großen Raum, verliert manches Kunstwerk seinen eigenen Charakter und wird zum Teil einer reinen Aufzählung als „Objekt mit Licht“ wie in manchen Wunderkammern früherer Zeiten. Dies betrifft die in einer Reihe platzierten Arbeiten von Werner Haypeter, Jeppe Hein und Tobias Rehberger, die in dieser Abfolge wirklich wie in einem Lampenladen deplaziert und langweilig wirken. Ähnlich problematisch verhält es sich mit der Hintereinanderschaltung der Arbeiten von Katja Strunz, Anselm Reyle und Isa Melzheimer.
Klare, überschaubare Werke können da überzeugen: Joachim Fleischer mit Das Rohr (1997), Astrid Kleins Schrift/Lichtverwebung Ohne Titel (Wie kommt die Zeit ins Hirn?(1998/2002), die Leuchtstoffröhrenhaufen O.T. 1990 (+2002) von John M Armleder oder die ironischen Beiträge wie Cyber-Merz (1995) von Georg Herold und Talking Light (1996) von Tony Oursler. Auffällig für die jüngere Generation der Lichtkunst ist der Hang zur Größe und zum Erlebnis, aber auch das Bedürfnis nach Persiflierung, Ironisierung und Erlebnisverweigerung.
Der Hang zur Repräsentanz scheint nicht zuletzt die Sache von Sammlern zu sein wie zum Beispiel die zahlreichen Leihgaben der Thyssen Art Contemporary aus Wien deutlich machen. Dazu zählen vor allem Arbeiten im Erdgeschoss: die begehbare Plastik Y (2003) von Carsten Höller, Jason Rhoades` Emanuelle-Installation (2005) und die Arbeit Global Domes XII (2000) von John M Armleder. Auch die einfallsreiche Skulptur von Björn Dahlem und die interaktive Arbeit DIPS: lab, Luma2 Solator von Olafur Eliasson gehen in diese Richtung. Daneben beeindruckt die vielschichtige, feine Raumarbeit Longing for Wilmington (2000) von Won Ju Lim, die zu den poetischsten der Ausstellung zählt. Die Künstlerin baut aus teilweise farbigem Acrylglas und Cappa-Platten architektonische Gebilde auf, die sie von Diaprojektoren (ohne Dias) durchleuchten lässt. An den Wänden entsteht eine faszinierende „Stadtsilhouette“.
Nach soviel Licht ist man schlicht erschöpft, nichts kann mehr aufgenommen werden. Daran liegt es aber nicht, dass einige der Werke nur schwer zu verorten sind. Eine erhebliche Reduktion der Exponate hätte den einzelnen präsentierten Arbeiten mehr Raum gegeben und der gesamten Ausstellung gut getan.
Allein mit den zeitgenössischen Arbeiten der letzten 15 Jahre ließe sich eine eigene spannende Ausstellung zusammenstellen.