Dr. Renate Wiehager: Sieben Stücke für einen Raum

Katalogtext zur Ausstellung in der Sammlung DaimlerChrysler, 27.9.2002–9.2.2003


Are You Meaning Company
Katja Davar, Peter Haimerl, Isabel Mundry, Philippe Parreno, Andreas Schmid, Auke de Vries, Albert Weis

‚In Kyoto bin ich – doch beim Schrei des Kuckucks – sehne ich mich nach Kyoto.‘ Dieses japanische Haiku beschreibt eine für unsere Ausstellung zentrale Auffassung von Raum. „Es beschreibt einen Augenblick, in dem wir einen bestimmten Zugriff auf einen Raum haben, dessen wir uns durch ein akustisches Zeichen bewusst werden, wodurch der Raum auch schon zu einem anderen wird.“ (Isabel Mundry) Diese Metamorphose von Raumqualitäten, die Durchlässigkeiten zwischen Architektur-Raum, Seh-Raum und Hör-Raum sind Phänomene, die für Künstler, Musiker und Architekten gleichermaßen faszinierend sind. Aus dieser Faszination leben auch die überwiegend raumbezogenen Projekte dieser Ausstellung, die unterschiedliche Disziplinen zusammenführt.

Die Sammlung DaimlerChrysler gründet in künstlerischen Strömungen des 20. Jahrhunderts, welchen der Transfer und die Übersetzung ästhetischer Programme über Gattungsgrenzen hinaus wesentlich
war. Von den Bauhaus-Künstlern über die Zero Avantgarde bis zur Minimal Art in Amerika und Europa – Schwerpunkte unserer Sammlung – war der Dialog zwischen Kunst, Architektur, Musik und Choreographie selbstverständlicher Teil ihres Denkens und ihrer künstlerischen Praxis. Dies ist der historische Hintergrund unserer aktuellen Ausstellung. Ausgangspunkt war aber vor allem die Selbstverständlichkeit, mit der zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler – jenseits von Workshops und Themenausstellungen – ihre Arbeiten aus dem Gespräch mit und der genauen Kenntnis von anderen Disziplinen heraus begründen. Beobachten und nachvollziehen konnte ich diese höchst anregende Verflechtung musikalischer und zeichnerischer Linienführungen und Raum-Kompositionen am Beispiel des langjährig entwickelten Gesprächs zwischen Isabel Mundry und dem Berliner Künstler Andreas Schmid. Beide haben über mehr als ein Jahr hinweg Werke entwickelt, die diesem spezifischen und persönlichen Dialog zwischen Kunst und Musik bezogen auf den Ausstellungsraum DaimlerChrysler Contemporary konkrete Gestalt geben.

Isabel Mundry (*1963, Frankfurt/D) hat ein Stück für Tonband mit vier Trompeten geschrieben, das am Abend der Vernissage uraufgeführt wird und während der Ausstellung über verschiedene Hörstationen präsent bleibt. „Mich beschäftigt die Frage“, so Mundry, „was wir über Zeit als Phänomen erfahren, wenn wir das fokussieren, dem wir sowieso nicht entrinnen können: Nämlich unsere eigene Zeitlichkeit als eine Reihung von Augenblicken. Ich definiere Augenblick als etwas, was eine besondere Form entwickelt, mit Binnenzeitlichkeit, Anfang und Ende. Das ist ein durch und durch räumlicher Gedanke in dem Sinne, dass ein Raum etwas ist, was eine Grenze zieht aus einem offenen Bereich von Möglichkeiten.“ Andreas Schmid (*1955, Berlin/D) geht als Künstler situativ und temporär vor. Er bearbeitet vorhandene Räume als Orte des Übergangs zwischen Außen- und Innenwahrnehmung, die sich mit der Bewegung des Betrachters im Raum entfalten. Für die Interpretation ‚latenter‘ Räume arbeitet er vor allem mit Linien, die ausgespannt oder geklebt, gezeichnet, gemalt, geschnitten, photographiert oder gelegt werden. „Ich reagiere zunächst geistig-visuell, dann erst tätig auf den Raum und seine Wesentlichkeiten und verstärke sozusagen das, was ich als seine Charakteristika wahrgenommen und weiter verarbeitet habe. Auch die Leere wird durch meine Eingriffe aufgeladen bzw. aktiviert.“
Der Münchner Architekt Peter Haimerl (*1961, München/D) stellt erstmals in Berlin sein urbanes Projekt Zoomtown vor. Es spiegelt ein Verständnis von Stadt als Kulturraum, der sich vor allem anhand
seiner durchfließenden Bewegungsströme netzartig ausbildet. Zoomtown definiert die Zentren einzelner Städte hinsichtlich der gesteigerten Mobilität ihrer Bewohner um und fördert durch ein Angebot an neuen Verkehrsmitteln die Vernetzung der Metropolen insgesamt. Triebkraft seiner Vision ist es, „unsere Chancen und unsere Ressourcen genau im nichtstatischen Raum zu entdecken, mit dem effektiver umgegangen werden kann. Es ist eine Vorstellung von Raum, der durch Tore gesendet wird, und dieser Raumfluss kann sich mit Imagination, Phantasie, Tönen und Gefühlen überlagen und ergänzen.“

Die Ausstellung erweitert sich um wichtige Neuerwerbungen für die Sammlung DaimlerChrysler von den Künstlern Philippe Parreno (*1964 in Algerien, lebt in Paris/F), Albert Weis (*1969, Berlin/D), Are You Meaning Company (*1973, Tokio/J) und Katja Davar, Künstlerin (*1968 in GB, lebt in Köln/D). Sie er-öffnen je für sich weitergehende Perspektiven zum Thema der Durchlässigkeit von Räumen. Teil der Ausstellung ist eine neue permanente Skulptur von Auke de Vries (*1937, Den Haag/NL) für den Potsdamer Platz. Die Skulptur besteht wesentlich aus zwei konstruktiven Körpern, gewissermaßen ‚auto-mobile‘ Gebäudeteile, die sich zu einem Pas de deux unter dem Berliner Himmel neu vereinen. Die waghalsige Equilibristik der Figuration signalisiert ihre Loslösung aus allen Bedingtheiten und nähert sie der Freiheit des Vogelflugs.

Dr. Renate Wiehager
Leiterin Kunstbesitz