„Wir haben bestimmte Erwartungen, ...

Auszüge aus Reden von Kathrin Bettina-Müller, 2000


„Wir haben bestimmte Erwartungen, wie ein Kunstwerk sich zum Raum, in dem wir es aufsuchen, verhält. Wir erwarten eine deutliche Begrenzung von allem übrigen, eine visuell wahrnehmbare Trennung der Wirklichkeit des Werkes von der Wirklichkeit, in der wir uns selbst befinden. Diese Trennung aufzuheben und so den Raum der Kunst zu unserem eigenen Erfahrungsraum zu machen: daran arbeitet Andreas Schmid mit seinen Installationen...
Räume tragen Benutzerhinweise in sich. Türen und Fenster geben uns Bewegungsrichtungen vor, Höhe und Tiefe bestimmen die Nutzbarkeit. Aber die Architektur von rechten Winkeln und geschlossenen Grundrissen nutzt nur ein kleines Segment dessen, was Raum sein könnte und der vielen Richtungen, die er in sich birgt. Die Linien, die Andreas Schmid in den Raum bringt, machen Vorschläge: gegen die eingeschliffene Wahrnehmung des Raums, gegen das Einseitige der gewohnten Nutzung und die Normierung unserer Interpretation.
Durch diese Eingriffe liest man auch das schon vorhandene Inventar von Linien anders. Steckdosen, Mauer – Vorsprünge und über Putz verlegte Leitungen werden zu Elementen der Raumzeichnung. Hier wird nichts geschönt oder versteckt, nichts dargestellt oder simuliert sondern das Vorhandene zur Kenntlichkeit gebracht.
Doch es geht bei den Linien im Raum nicht nur um diesen selbst...
Als ob sie den Raum flach aufklappen könnten, benutzen sie ihn wie ein Blatt... So können die Linien je nach Standpunkt, Ecken und Kanten negieren und sich mit perspektivischen Täuschungen darüber hinwegsetzen. Dann werden die Linien zum Beginn einer Form, zur Teilung der Fläche, zum Anfang von etwas...
Betrachtet man die Raumarbeiten von Andreas Schmid als choreographische Anleitungen, dann sind wir die Tänzer. Wir müssen uns in diesem begehbaren Bild bewegen, erst dann wird es erfüllt. Dann ist die Wirklichkeit des Kunstwerks nicht von unserer zu trennen. Wir teilen uns mit ihm den gleichen Raum. Realraum und Illusionsraum verschränken sich.“

„..Die Linien, die Andreas Schmid in den Raum bringt, machen Vorschläge: gegen die eingeschliffene Wahrnehmung des Raums, gegen das Einseitige der gewohnten Nutzung und die Normierung unserer Interpretation…
So stellt er in seinen Arbeiten keine objektiven Behauptungen auf von dem, was Kunst ist, sondern belässt das im Konjunktiv: was sie möglicherweise sein könnte“.